Schaumburger Nachrichten 02.02.1996
Der Bundesverband arbeitet am Durchbruch
Eine Boom-Sportart will nicht mehr am Rand stehen
VON CHRISTIAN OTTO
Hannover. Die Sportart Badminton hat so herrliche Voraussetzungen. Das Spiel mit dem
Federball ist kinderleicht, jeder hat es am Strand oder im heimischen Garten schon
einmal auf seine Art ausprobiert, und die Ausrüstung ist für jederman erschwinglich.
Badminton zählt zu den Boom-Sportarten, ist über den Status einer Randsportart
trotzdem noch nicht hinausgekommen. Damit diese Misere behoben wird, geht der Deutsche
Badminton-Verband (DBV) jetzt in die Offensive. Um die olympische Sportart in der
Öffentlichkeit besser verkaufen zu können, wird in diesen Tagen eine eigene
Vermarktungsgesellschaft gegründet. "Wir arbeiten am Durchbruch der Sportart
Badminton", sagte DBV-Präsident Dieter Kespohl gestern bei den Deutschen Meisterschaften
in Hannover.
Badminton erfreut sich in Deutschland nach wie vor wachsender Beliebtheit, aber von den
überfüllten Sporthallen und Sportcentern profitiert der DBV nur bedingt. Die Zahl der
Mitglieder und Vereine steigt stetig, gleiches gilt allerdings auch für den Umsatz der
kommerziellen Anbieter. "Die Vereine können mit den Angeboten der Center natürlich nicht
mithalten", meint Kespohl. Wichtig sei unter dem Strich aber, daß der Kunde eine neue
Sportart kennenlerne und auf den Geschmack komme.
Der DBV und die Center haben mit der sogenannten "Center-Liga" im vergangenen Jahr eine
Zweckgemeinschaft ins Leben gerufen, die sich bewährt. Aus den ersten Hausligen in
Badmintoncentern haben sich Mannschaften entwickelt, die gegen Teams aus anderen
Centern antreten. DBV-Präsident Kespohl, dessen Verband sich dabei um die Logistik
kümmert und dafür auch bezahlt wird, begrüßt diese neue Liga, "So lange in den Centern
Fachleute am Werk sind und nicht Ahnungslose eine schnelle Mark machen". In
Nordrhein-Westfalen gibt es von Verbänden und Vereinen setzt sogar Überlegungen, sich
um "Kneipenmannschaften" zu kümmern.
Daß die Vereine nicht in dem erhofften Maße vom dem Boom der private Ligen profitieren,
hat mehrere Gründe. "Viele Kunden kommen zu uns, weil sie ein Kommunikationsproblem haben
und das bei uns lösen können", sagt Horst Plätzer, Geschäftsführer des Kaiser Centers
in Hannover. Mit Aktionen wie "Brot und Spiele", einer Kombination aus Sport und
kulinarischem Nachspiel, werde einfach mehr geboten als in einem herkömmlichen Verein,
der sich mit Haushaltlöchern herumplage.
Plätzer hält "die jungen Leute heut für schnellebiger und flexibler". Vereinsmeierei
und der Zwang zur Regelmäßigkeit schrecken viele eigentlich Badminton-Begeisterte von
einer Mitgliedschaft in einem Klub ab. Im Kaiser Center betreut Trainer Holger Broß
vom Zweitligisten BV Gifhorn dagegen Leute "von 19 bis Ende 40, alles quer durch die
Bank, die einfach Spaß haben wollen".
Funktionär Kespohl stimmt dem zu sieht sich und seine Sportart trotzdem auf dem
richtigen Weg. "Der Stand der Olympia-Qualifikation und die Erfolge unserer Spieler
zeigen, daß der DBV immer besser wird", sagt der DBV-Präsident. Wer keinen Boris
Becker habe, müsse eben durch Aktionen wie die Center-Liga oder durch spektakuläre
Turniere auffallen. Kespohl schwebt vor, aus den German Open ein noch größeres
Turnier zu machen, das den internationalen Vergleich nicht scheuen muß. Wenn das
nicht gelingt, will Kespohl nach achtjähriger Tätigkeit sein Amt zur Verfügung stellen.